Das Kellnerblockprojekt

Hauptberuflich arbeite ich schon viele Jahre als Fachkraft für Berufsförderung in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). Im Rahmen begleitender Maßnahmen werden den behinderten Mitarbeitern neben der Teilhabe am Arbeitsleben (Aufträge aus der Industrie bearbeiten) auch verschiedene Kurse zur praktischen Förderung angeboten. Um dieses Angebot möglichst abwechslungsreich zu gestalten, ist man immer auf der Suche nach neuen Themen für diese Förderkurse.

Im Frühjahr 2016 begab sich Folgendes:
Die Besitzerin meines Stammcafes beklagte sich, daß der Getränkelieferant keine Kellnerblöcke mehr als Werbegeschenk mitbrachte. Die mußten nun eingekauft werden.
Dieser zunächst als alltägliches Ärgernis wahrgenommene Umstand löste jedoch in meinem Kopf, soweit ich das zurückverfolgen kann , folgende Gedankenkette aus:
Der Wegfall der Kellnerblöcke bedeutete letztlich: einen akuten Bedarf an einer größeren Anzahl zumindest einseitig unbedruckter, kleiner, gleichgroßer Zettel (ich sah sie förmlich vor mir flattern).

Den Weißraum nutzen

Dieses Zettelbedarfsgefühl kam mir bekannt vor. Ich erinnerte mich: Als Kind suchte ich oft in Zeitschriften und Illustrierten nach unbedruckten Stellen, um darauf zu malen.
Geht mir heut noch so, wenn ich grad einen spontanen Gedanken zu Papier bringen will und kein Block in Reichweite ist. Da greif ich auch mal in den Papierkorb und es kommt zur Altpapierverwertung.
Mit dem Begriff „Altpapier“ erschien auch das Bild eines Containers auf meinem inneren Bildschirm.

Die Gedanken fügten sich weiter:
Diese gesuchten Notizzettel liegen ganz aktuell in Unmengen im Altpapiercontainer im Hof unserer Firma…
Man muß sie nur bergen.
Die Idee zum Förderkurs: „Kellnerblöcke aus Altpapier herstellen“ entstand.
(Eigentlich sind es ja Notizblöcke, aber „Kellnerblock“ spricht sich besser)
Ein besonderer Aspekt bei diesem Projekt: Diese gesuchten kleinen, unbedruckten Kritzelflächen, sogenannter Weißraum, kommen auch auf beidseitig bedruckten Papier vor.
Bei ähnlichen Projekten zum Herstellen von größeren Schreib- und Malblöcken (z.B. an Universitäten) können nur einseitig bedruckte Zettel verwendet werden.

Rückmeldung von der Maschine zum Menschen

Um diese freien Flächen jedoch „rauszuholen“, waren neben einem Arbeitskonzept auch handwerkliches Gerät und spezielle Schneidvorrichtungen notwendig, bei deren „Erfinden“ ich nun meinen mechanischen Ambitionen freien Lauf lassen konnte. (Ich muß gestehen: Ein wesentlicher Motivationspunkt.)
Im Rahmen der Arbeit in einer WfbM geht es mir um eine Art von Technik, die nicht in erster Linie dem Wegrationalisieren von Arbeit dient, sondern die dem Menschen Arbeit ermöglicht, erleichtert und gestaltet.

So entstand besonders bei der zweiten Einzelzettelschneidmaschine (EZSM 2) reichlich anschauliche Mechanik. Die Vorgänge bleiben direkt beobachtbar, nachvollziehbar. Viele Sinne werden beansprucht. Man spürt und hört. So findet eine direkte Rückmeldung von der Maschine zum Menschen hin statt.
Eine wesentliche Voraussetzung, um gerne mit diesen Geräten zu arbeiten.
Elektronik ist indirekt und leistet das erstmal nicht.
Inzwischen können Blöcke in verschiedenen Größen und Variationen nicht nur für´s Café, sondern auch für den allgemeinen Bedarf hergestellt werden.

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